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Ahrefs zeigt plötzlich weniger Keywords: Was der Site Explorer 2026 noch aussagt

Ich habe 30 Domains durch vier SEO-Tools geschickt und die Keywordzahlen von heute mit denen von vor zwölf Monaten verglichen. Bei Ahrefs ist keine einzige Domain gewachsen. Der Median liegt bei minus 86 Prozent. Bei den anderen drei Tools sieht dasselbe Set völlig anders aus. Das hat Konsequenzen für jeden Report, den du gerade schreibst.

Das Wichtigste in Kürze

  • Du hörst auf, die Ahrefs-Kennzahl „Organic Keywords" als Aussage über den Keyword-Footprint einer Domain zu lesen. Sie beschreibt den Ausschnitt, den Ahrefs derzeit erfasst, nicht die Menge der Keywords, für die eine Domain rankt.
  • Du nimmst die Organic-Keywords-Kurve aus jedem Kundenreport heraus, in dem sie über zwölf Monate läuft. Der Verlauf enthält mindestens zwei Verfahrensbrüche und ist als Zeitreihe nicht mehr interpretierbar.
  • Du bildest dein Wettbewerber-Keyworduniversum nicht mehr im Site Explorer. Discovery läuft über mindestens zwei Datenbanken, danach validierst du in einem Ranktracker, der bis Position 100 misst.
  • Du prüfst bei jedem Datenanbieter, ob er eine öffentliche Statusseite mit datierten Einträgen führt. Das ist ab sofort ein hartes Auswahlkriterium, nicht ein nettes Extra.
  • Du wechselst nicht das Toolabo, sondern die Zuständigkeit einzelner Auswertungen. Keywords Explorer, Backlinkdaten, Content Explorer und Site Audit sind von alledem nicht betroffen.
  • Du nutzt für eigene Domains Search Console und Bing Webmaster Tools als Primärquelle. Jede Domaindatenbank ist ein Proxy, auch die, die gerade die höchsten Zahlen zeigt.

Warum das jetzt zählt und nicht irgendwann

Der Schaden fängt nicht im Kundentermin an, er fängt an deinem eigenen Schreibtisch an.

Du betreust einen Themencluster, der seit sieben Monaten läuft. Du machst den Site Explorer auf, weil du wissen willst, ob es vorangeht. Die Zahl ist niedriger als beim letzten Mal. Liegt das an deiner Arbeit, an einem Google-Update, an einer technischen Änderung auf der Seite oder am Tool? Du schaust ins zweite Tool, dort steht etwas anderes. Nach vierzig Minuten hast du drei Zahlen und keine Antwort.

Das ist der Alltagsschaden. Er ist unspektakulär, und genau deshalb übersieht man ihn. Er kostet Zeit, vor allem aber kostet er dich die Grundlage für die einzige Entscheidung, die in einem laufenden Contentprojekt wirklich zählt: so weitermachen oder anpassen bzw. abbrechen.

Fachlich läuft der Verlust in zwei Richtungen. Nach innen als Fehldiagnose der eigenen Arbeit: Ein Cluster, der sich über vier Monate von Position 78 über 61 auf 44 bewegt hat, ist ein funktionierender Cluster. In einem Datensatz, der überwiegend bei Position 30 endet, existiert er nicht. Du siehst keinen Fortschritt, weil kein Fortschritt gemessen wird. Nach außen als blinder Fleck beim Wettbewerb: Ein Anbieter, der 400 Rankings zwischen Position 35 und 100 aufbaut, arbeitet planvoll und wird in einem Top-30-Screening zu lange als unauffällig eingestuft oder kommt überhaupt nicht vor. Sichtbar wird er erst dann, wenn er oben ankommt.

Und jetzt der Teil, den man sich als Berater gern schöner denkt, als er ist. Dein Ansprechpartner wird nicht fragen, wie die Zahl zustande kommt. Er wird nicht wissen wollen, welche Erfassungstiefe dahintersteht, und er wird den Unterschied zwischen einer Datenbankgröße und einer Messgrenze nicht kennen. Er sieht in der Quartalsübersicht eine Zeile, die kleiner geworden ist, sagt dazu nichts und nimmt einen Eindruck mit. Zwei Quartale später fällt in einer Budgetrunde, an der du nicht teilnimmst, der Satz, man müsse beim Thema SEO noch einmal schauen, ob sich das trägt.

Gegen eine ausgesprochene Frage kannst du argumentieren. Gegen einen Eindruck, der nie ausgesprochen wurde, nicht. Deshalb muss die Kennzahl aus dem Reporting verschwinden, bevor sie zum Eindruck wird, und nicht erst dann, wenn jemand nachfragt.

Der Zeitdruck kommt daher, dass ein zweiter Bruch gerade erst passiert ist. Google hat am 26. August 2026 eine weitere Änderung an der Auslieferung der Suchergebnisse bestätigt. Wer seine Reportinglogik jetzt nicht anfasst, schreibt im Oktober Berichte über eine Entwicklung, die nie stattgefunden hat.


Die Messung: 30 Domains, vier Tools, ein eindeutiges Bild

Wie ich gemessen habe

Alle Werte stammen vom 9. September 2026 und bilden jeweils die Gesamtzahl der organischen Keywords ab, die das Tool für die Domain ausweist. Keine Aufteilung nach Positionsgruppen, kein Filter, kein Land. Der Wert vor zwölf Monaten stammt aus der jeweiligen Historie im Tool selbst:

Tool Aktueller Wert Wert vor 12 Monaten
Ahrefs Explizite Zahl im Site-Explorer-Dashboard Trend „Last 12 months"
Semrush Hover über der Verlaufsgrafik History, Bereich 1 Jahr
SE Ranking Monatswert September 2026 Monatswert 12 Monate zurück
SISTRIX Hover über der Verlaufsgrafik Bereich 1 Jahr

Das ist bewusst die Nutzerperspektive und nicht die API-Perspektive. Ich messe, was das Tool einem Menschen anzeigt, der es aufmacht. Genau diese Zahl landet in Reports, Angeboten und Strategiepapieren.

Das Set umfasst 30 Domains aus meiner Beratungspraxis: B2B-Industrie, Handel, Dienstleistung, Gesundheitswesen, Bildung und Finanzen, von der Nischendomain mit unter 50 Rankings bis zum Großhändler mit fünfstelligen Keywordzahlen. Bis auf meine eigene Domain sind alle anonymisiert. Die Größenklasse leitet sich aus dem aktuellen SE-Ranking-Wert ab: klein unter 500, mittel bis 3.000, groß darüber.

Eine Einschränkung, die ich offen benenne: Ich vergleiche hier Anzeigewerte verschiedener Anbieter, die unterschiedliche Keyworddatenbanken, unterschiedliche Zählweisen für SERP-Features und unterschiedliche Aktualisierungsintervalle haben. Absolute Zahlen zwischen zwei Tools sind deshalb nie direkt vergleichbar. Aussagekräftig ist die Veränderung innerhalb eines Tools über die Zeit und die Verschiebung der Verhältnisse zwischen den Tools. Genau darauf stützt sich alles Folgende.

Das Ergebnis in einer Tabelle

Kennzahl Ahrefs Semrush SE Ranking SISTRIX
Median-Veränderung über 12 Monate -86,0 % +27,4 % -4,9 % -30,0 %
Domains mit Rückgang (von 30) 30 12 16 20
Domains mit Rückgang über 50 % 30 2 2 8
Summe aller Keywords heute 4.427 24.880 120.381 36.741
Summe aller Keywords vor 12 Monaten 32.766 27.459 132.094 65.457
Veränderung der Summe -86,5 % -9,4 % -8,9 % -43,9 %

Dreißig von dreißig. Nicht 26, nicht 28. Jede einzelne Domain im Set hat bei Ahrefs mehr als die Hälfte ihrer ausgewiesenen Keywords verloren, quer über alle Größenklassen und Branchen. Bei den anderen drei Tools sind dieselben Domains im selben Zeitraum teils gewachsen, teils geschrumpft, so wie es bei 30 verschiedenen Websites über ein Jahr eben aussieht.

Ein Effekt, der 100 Prozent eines heterogenen Sets in dieselbe Richtung schiebt, hat keine inhaltliche Ursache. Er hat eine Verfahrensursache.

Der Befund, der die Sache entscheidet

Die Rückgangsraten allein könnte man noch wegdiskutieren. Vielleicht hat Ahrefs eine besonders strenge Datenbereinigung gefahren, vielleicht sind die anderen Anbieter großzügiger geworden. Deshalb der zweite Blick: Wie viele Keywords zeigen die anderen Tools im Verhältnis zu Ahrefs, damals und heute?

Vielfaches gegenüber Ahrefs (Median über 30 Domains) vor 12 Monaten heute
Semrush 0,69x 6,0x
SE Ranking 3,9x 29,7x
SISTRIX 1,78x 10,9x

Lies die erste Zeile zweimal. Vor zwölf Monaten zeigte Ahrefs für die typische Domain in diesem Set mehr Keywords als Semrush. Ahrefs war die großzügigere Datenbank. Heute zeigt Semrush das Sechsfache.

Diese 30 Websites haben sich nicht so verändert. Was sich verändert hat, ist der Ausschnitt, den Ahrefs sieht. Und weil sich das Verhältnis zu allen drei Vergleichstools gleichzeitig und in dieselbe Richtung verschoben hat, ist das die belastbarste Aussage aus diesem Datensatz. Keine Vermutung über Motive und keine Aussage darüber, welches Tool „recht hat".

Die vollständige Tabelle mit allen 30 Domains, allen acht Rohwerten und den berechneten Veränderungen als Screenshot.

Zehn Domains als Beispiel

Hier stehen zehn davon, ausgewählt nach einer festen Regel statt nach Gefühl: sortiert nach aktuellem Ahrefs-Wert absteigend, dann jede dritte Domain. Alle Zahlen sind Rohwerte, wie das jeweilige Tool sie anzeigt.

Domain Ahrefs vor 12 M Ahrefs heute Semrush heute SE Ranking heute SISTRIX heute
Domain A 17.000 1.800 6.429 55.790 9.160
Domain D 1.244 290 1.604 3.444 1.450
Domain G 1.377 177 319 2.151 995
Domain J 387 76 1.067 3.510 1.670
Domain M 968 52 798 1.819 770
Domain P 202 29 52 475 297
feller.systems 147 20 417 703 212
Domain U 208 8 37 320 174
Domain X 32 5 32 206 73
Domain AA 70 2 12 178 178

Die ersten beiden Spalten zeigen, was Ahrefs für dieselbe Domain vor einem Jahr und heute ausweist. Die drei rechten Spalten zeigen, was die anderen Tools am selben Tag für dieselbe Domain sagen.

Nimm Domain A. Ahrefs kannte vor zwölf Monaten 17.000 Keywords und kennt heute 1.800. SE Ranking kennt heute 55.790. Das ist ein Großhändler mit einem umfangreichen Sortiment, und die 55.790 sind für so eine Domain die plausiblere Größenordnung. Oder nimm Domain U: Ahrefs 8, SE Ranking 320. Über die Verteilung auf Top 3 und Top 10 muss man bei acht erfassten Keywords nicht mehr diskutieren.

Meine eigene Domain steht bei 20. Ich veröffentliche mehrfach im Monat, ich sehe meine Search-Console-Daten täglich, und ich weiß ziemlich genau, wofür feller.systems rankt. SISTRIX verteilt die Rankings am 7. September 2026 über die SERP-Seiten eins bis zehn, also bis in den Bereich Position 90 bis 100 - SE Ranking und Semrush zeigen ebenfalls noch bis Pos 100 an. Die Tiefe existiert. Ahrefs sieht sie nur nicht mehr.

Der Effekt ist in allen 30 Zeilen derselbe. Es gibt keine Domain im Set, bei der Ahrefs heute mehr zeigt als vor zwölf Monaten, und keine, bei der der Rückgang unter 50 Prozent bleibt.


Drei Begriffe, die man sauber trennen muss

Ein großer Teil der Diskussion zu diesem Thema geht schief, weil drei verschiedene Dinge durcheinander geworfen werden. Bevor es weitergeht, die Abgrenzung:

Datenbankgröße. Wie viele Suchbegriffe kennt ein Anbieter überhaupt? Ahrefs betreibt hier zwei getrennte Indizes. Das Hilfezentrum beziffert den größeren, der den Keywords Explorer speist, auf rund 12 Milliarden Keywords. Der kleinere, aus dem der Site Explorer die Rankings von Websites ableitet, liegt bei rund 590 Millionen. Das sind zwei verschiedene Systeme, nicht zwei Ansichten desselben Systems.

Erfassungstiefe. Bis zu welcher Position verfolgt der Anbieter ein bekanntes Keyword? Das ist die Größe, um die es in diesem Beitrag geht. Sie ist unabhängig von der Datenbankgröße: Ein Anbieter kann eine Milliarde Keywords kennen und trotzdem nur die ersten 30 Positionen jedes einzelnen davon abfragen.

Aktualisierungsintervall. Wie alt ist der zuletzt gemessene Wert? Ahrefs gibt im eigenen Dashboard-Handbuch an, dass ein Keyword im Organic-Keywords-Bericht je nach Suchvolumen alle drei Tage bis alle zwei Monate aktualisiert wird. Ein Keyword, das seit sieben Wochen nicht geprüft wurde, zeigt dir den Stand von vor sieben Wochen.

Diese drei Größen wirken als Faktoren zusammen. Ein Longtail-Keyword mit geringem Suchvolumen, das auf Position 44 rankt, muss drei Hürden nehmen: Es muss im 590-Millionen-Index enthalten sein, es muss tief genug erfasst worden sein, und die Erfassung darf nicht zwei Monate alt sein. Fällt eine davon aus, existiert das Ranking für dich nicht.

Dazu kommt eine vierte Trennung, die Ahrefs selbst dokumentiert und die den größten Teil der Verwirrung erklärt: Rank Tracker und Site Explorer holen ihre SERP-Daten unabhängig voneinander. Der Rank Tracker prüft die Keywords, die du selbst definiert hast. Der Site Explorer baut sich automatisch aus dem Ahrefs-Keywordbestand auf. Deshalb kann Ahrefs ein von dir getracktes Keyword auf Position 47 kennen, während dasselbe Keyword im Organic-Keywords-Bericht derselben Domain nicht auftaucht.

Wenn du in Diskussionen zu diesem Thema den Satz hörst „Ahrefs hat die Top 100 doch längst wiederhergestellt", dann bezieht sich das auf den Rank Tracker. Nicht auf den Site Explorer.


Ursache 1: Der Wegfall von num=100 im September 2025

Am Wochenende des 13. und 14. September 2025 hat Google den Parameter &num=100 abgeschaltet. Bis dahin konnte man ihn an eine Google-Suchanfrage hängen und bekam bis zu 100 Ergebnisse auf einer Seite ausgeliefert. Für Datenanbieter war das die wirtschaftliche Grundlage der flächendeckenden Top-100-Erfassung.

Die Rechnung ist simpel:

Vorher: ein Keyword, ein Abruf, bis zu 100 Positionen. Nachher: ein Keyword, rund zehn Abrufe, dieselben 100 Positionen.

Bei Hunderten Millionen Keywords ist der Faktor zehn keine Anpassung im Betrieb, sondern eine Frage, ob das Geschäftsmodell noch aufgeht.

SISTRIX hat die Abschaltung am 14. September 2025 auf der eigenen Statusseite dokumentiert, inklusive der ungeschminkten Feststellung, dass man zu diesem Zeitpunkt nur noch die ersten zehn Ergebnisse erfasse und die Positionen 11 bis 100 nicht mehr verfügbar seien. Gleichzeitig kündigte das Unternehmen an, für Keywords des Sichtbarkeitsindex und Projekt-Trackings die Erfassung bis Position 100 wieder anzupassen. Ahrefs veröffentlichte am 18. September 2025 ein offizielles Statement und bestätigte, dass die Änderung branchenweit wirke, auch bei den Drittanbietern, von denen Ahrefs Daten bezieht. Der Kernsatz aus diesem Statement lautet sinngemäß, dass die Änderung nicht die Aktualisierungsfrequenz betreffe, wohl aber die Zahl der Ergebnisse, die man jenseits der ersten Google-Seite pro Suchbegriff prüfen könne.

Das ist die Ursache. Sie ist technisch, sie ist wirtschaftlich, und sie trifft jeden Anbieter gleichermaßen. Bis hierhin ist niemandem ein Vorwurf zu machen.


Ursache 2: /goto seit Sommer 2026

Der zweite Bruch ist elf Monate jünger und funktioniert anders.

Google leitet Klicks auf Suchergebnisse zunehmend über Adressen der Form google.com/goto um, statt direkt auf die Zielseite zu verlinken. Barry Schwartz berichtete auf Search Engine Land am 26. August 2026 über die Bestätigung durch Google; ein Sprecher sprach von technischen Maßnahmen gegen sich wandelnde Formen von Missbrauch. Beobachtet wurde das Verhalten seit Juli 2026 im Test.

Für dich als Nutzer ändert sich nichts. Du klickst, du landest auf derselben Seite. Für ein Programm, das eine Ergebnisseite ausliest, ändert sich alles: Die Ziel-URL steht nicht mehr im Ergebnis. Sie ist in den Redirect kodiert und lässt sich nicht zurückrechnen. Man muss dem Redirect folgen, um zu erfahren, welcher Domain ein Ergebnis überhaupt gehört. Es handelt sich um eine temporäre Weiterleitung, HEAD-Requests werden darauf blockiert, und der Datenanbieter Decodo beziffert den Zusatzaufwand auf 500 bis 1.000 zusätzliche Requests für einen Ranking-Report über fünf Ergebnisseiten.

Warum das ausgerechnet die Domainzuordnung trifft, wird klar, wenn du dir ansiehst, wie eine Domaindatenbank überhaupt entsteht. Ein Anbieter fragt nicht deine Domain ab. Er fragt Keywords ab, liest die Ergebnisseite aus und notiert für jede Position, welche URL dort steht. Erst durch das Umdrehen dieser Sammlung entsteht die Aussage „Domain X rankt für diese 437 Keywords". Die URL im Ergebnis ist also nicht ein Detail neben der Position, sie ist der Schlüssel, über den die ganze Zuordnung läuft.

Genau dieser Schlüssel fehlt jetzt im ausgelesenen Ergebnis. Früher stand im Quelltext der Ergebnisseite die echte Zieladresse, also etwa beispiel.de/produkte/xyz. Ein Parser konnte sie direkt lesen und den Treffer der Domain beispiel.de zuordnen, ohne die Seite je aufzurufen. Heute steht dort eine Google-Adresse mit einem kodierten Kennzeichen, aus dem sich das Ziel nicht errechnen lässt. Der einzige Weg herauszufinden, wohin sie führt, ist, sie tatsächlich abzurufen und zu lesen, welche Adresse Google im Antwortkopf zurückgibt.

Das ist ein zusätzlicher Abruf pro Suchergebnis, nicht pro Keyword. Zehn Ergebnisse auf einer Seite bedeuten zehn Abrufe zusätzlich zu dem einen, mit dem die Seite selbst geholt wurde. Die sparsame Variante, bei der man nur den Kopf einer Antwort anfordert und den Inhalt weglässt, ist auf dieser Umleitung blockiert. Man muss den vollen Weg gehen.

Bei num=100 lautete die Frage: Wie viele Ergebnisse kann ich mir noch leisten? Bei /goto lautet sie: Zu wem gehört dieses Ergebnis überhaupt? Und die Antwort darauf kostet jetzt einen eigenen Abruf.

Wichtig für die Einordnung: /goto erklärt deine fehlenden Rankings jenseits Position 30 nicht. Der Effekt ist seit Sommer 2026 wirksam, deine Keywordzahlen sind über zwölf Monate gefallen. /goto verschärft die Lage und verteuert die Auflösung, aber die Beschränkung der Tiefe hat ihre Ursache im Vorjahr. Wer dir das Gesamtproblem allein mit /goto erklärt, greift zu kurz.


Ursache 3: Eine Priorisierungsentscheidung, die offen ausgesprochen wurde

Hier wird es interessant, denn hier hört die Technik auf und die Produktstrategie fängt an.

Zwei Tage nach dem Wegfall von num=100 veröffentlichte Tim Soulo, CMO bei Ahrefs, am 16. September 2025 einen Beitrag auf X mit der Frage, ob man Rankingdaten unterhalb der Top 20 überhaupt brauche. Seine Einordnung: Die Top 10 seien unverzichtbar, weil dort der Traffic liege. Die Top 20 ebenfalls, weil dort die Optimierungschancen lägen. Zu den Positionen 21 bis 100 schrieb er, das sei aus seiner Sicht lediglich ein Hinweis darauf, dass eine Seite von Google indexiert sei, und ihm falle kein wirklich handlungsrelevanter Anwendungsfall dafür ein.

Diese Aussage ist kein Ausrutscher. Sie ist eine klare, ehrliche und intern konsistente Produktposition: Wenn tiefe Rankings kaum Nutzen stiften, dann lohnt der zehnfache Erfassungsaufwand nicht.

Ich halte diese Position für falsch, und zwar aus einem präzisen Grund. Sie ist aus der Perspektive der Trafficbewertung formuliert, und dort stimmt sie sogar. Position 63 bringt keine Klicks. Aber SEO-Arbeit besteht nicht nur aus Trafficbewertung, sie besteht zu einem erheblichen Teil aus Diagnostik.

Und in der Diagnostik sind genau diese Positionen das interessante Material:

  • Ein neuer Cluster, der sich über vier Monate von 83 über 58 auf 41 bewegt, ist ein funktionierender Cluster. In einem Top-30-Datensatz existiert er nicht, bis er plötzlich als „neu" aufpoppt.

  • Ein Wettbewerber, der 500 Rankings zwischen Position 35 und 100 aufbaut, ist ein Wettbewerber mit einem Plan. In einem Top-30-Datensatz sieht er aus wie jemand ohne Plan.

  • Ein Relaunch, bei dem Rankings von 12 auf 55 abstürzen statt zu verschwinden, ist ein reparierbarer Relaunch. In einem Top-30-Datensatz ist beides identisch: weg.

Der Bias, der daraus entsteht, trifft eine bestimmte Kundengruppe härter als andere. Wenn die Erfassungstiefe nach Suchvolumen priorisiert wird, dann gilt: hohes Suchvolumen plus vordere Position ergibt gute Daten, geringes Suchvolumen plus Position 47 ergibt schlechte Daten. In B2B-Nischen ist die zweite Gruppe aber der eigentliche Markt. Für einen Beschlaggroßhändler oder einen spezialisierten Maschinenbauer ist ein Ranking auf Position 47 für einen präzisen Fachbegriff oft wertvoller als das tausendste generische Keyword einer Consumer-Domain. Ein auf Trafficvolumen optimiertes Sampling und ein auf Mittelstandsstrategie optimiertes Sampling sind nicht dasselbe.

Meine eigene Support-Anfrage bei Ahrefs bestätigt, dass die Beschränkung real und bewusst ist. Die Antwort im Wortlaut:

„Hallo! Das hängt mit einem ‚Pagination'-Update von Google im Juli zusammen, bei dem der Zugriff auf die Suchergebnisseiten (SERPs) für Dritte eingeschränkt wurde. Daher melden wir nun für die meisten Suchbegriffe die Top-30-Platzierungen."

Zwei Dinge daran. Erstens die Sachaussage: für die meisten Suchbegriffe Top 30. Das deckt sich exakt mit dem, was ich messe. Zweitens die Begründung. Ein öffentlich dokumentiertes Google-„Pagination-Update im Juli" gibt es nicht. Ich habe danach gesucht und nichts gefunden. Was sich für Juli 2026 belegen lässt, sind die ersten /goto-Beobachtungen, die Google dann im August bestätigte. Möglich, dass „Pagination-Update" eine interne Bezeichnung dafür ist. Als öffentlich belegtes Google-Update würde ich die Formulierung nicht übernehmen, und du solltest sie in Kundengesprächen auch nicht zitieren.


Was Ahrefs sagt und was Ahrefs zeigt

Jetzt kommt der Punkt, an dem sich mein Urteil festmacht. Nicht an der Keywordzahl. An der Dokumentation.

Ahrefs führt zum Thema einen offiziellen Beitrag im Produktblog, ursprünglich vom 18. September 2025, mit einer Chronologie der Updates. Die Einträge:

Datum Aussage
18.09.2025 num=100 weggefallen, weniger Ergebnisse jenseits Seite 1 prüfbar
03.10.2025 Google erschwert den Zugriff auf mehr als zehn Ergebnisse weiter
08.10.2025 Top 100 im Rank Tracker für Enterprise-Kunden wieder möglich
29.10.2025 Schrittweise Wiederherstellung von bis zu 100 Ergebnissen in Ahrefs-Tools
14.11.2025 Rank Tracker fordert wieder Top 100 für alle Keywords an

Diese Chronologie endet am 14. November 2025. Seitdem steht dort nichts Neues. Zehn Monate.

Und alle Einträge ab dem 8. Oktober betreffen ausschließlich den Rank Tracker. Der Site Explorer kommt in der gesamten Update-Chronologie kein einziges Mal vor. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem Ahrefs öffentlich gesagt hätte, was mit der Erfassungstiefe im Site Explorer passiert ist oder ob sie zurückkommt.

Was dagegen weiterhin öffentlich steht:

  • Das Hilfezentrum beschreibt Site Explorer > Overview als die Ansicht, die die Gesamtzahl der Keywords zeigt, für die eine Website in den Top 100 der Google-Ergebnisse rankt.

  • Das Dashboard-Handbuch definiert Organic Keywords als die Zahl der Keywords, für die ein Ziel in den ersten 100 SERP-Ergebnissen rankt.

  • Der kostenlose Keyword Rank Checker bewirbt die Anzeige jedes Keywords, für das eine Website in den Top 100 rankt.

Es gibt einen Hinweis im Hilfezentrum, dass die tatsächliche Zahl der Keywords fast immer größer sei als die angezeigte. Der ist aber ausdrücklich mit der Größe der Datenbank begründet, nicht mit einer reduzierten Erfassungstiefe. Ein Leser, der diesen Hinweis liest, versteht: Ahrefs kennt nicht jedes Keyword der Welt. Er versteht nicht: Ahrefs prüft die Keywords, die es kennt, nur noch bis Position 30.

Das ist die Lücke. Nicht Lüge, nicht Betrug, und die Aussagen sind einzeln betrachtet auch nicht falsch. Aber die Produktbeschreibung und die tatsächlich gelieferte Datentiefe stehen seit Monaten auseinander, und der Nutzer erfährt es nur, wenn er den Support anschreibt.

Die Frage ist nicht „geht das?", sondern „lohnt sich das, und wie kontrollierst du es?" Bei einer Kennzahl, deren Definition nicht mehr zu ihrem Inhalt passt, lautet die Antwort auf den zweiten Teil: gar nicht.


Realitätsabgleich: So scheitert es in der Praxis

Drei Situationen, in denen mir das im letzten halben Jahr konkret hätte um die Ohren fliegen können.

Der Cluster, den es nicht gab. Ein Kunde baut über sieben Monate einen Themencluster mit 18 Beiträgen auf. Search Console zeigt steigende Impressionen bei zweistelligen Durchschnittspositionen, also genau das erwartete Bild einer Aufbauphase. Der Site Explorer zeigt in derselben Zeit vier zusätzliche Keywords. Wenn ich diesem Kunden nur Ahrefs gezeigt hätte, hätte er das Projekt nach Monat vier gestoppt. Er hätte damit sogar rational gehandelt, auf Basis falscher Daten.

Die Content-Gap-Analyse, die nichts fand. Content Gap zwischen einem Kunden und drei Wettbewerbern. Ergebnis: 40 Keywords Lücke, überschaubar, kein Handlungsdruck. Dieselbe Analyse in einem zweiten Tool: über 600 Keywords. Content Gap arbeitet auf beiden Seiten mit dem Site-Explorer-Bestand. Wenn beide Seiten untererfasst sind, ist die Schnittmenge der Lücke nicht ungenau, sondern systematisch zu klein. Und zwar in eine Richtung, die dich beruhigt.

Der Wettbewerber, der aus dem Nichts kam. Ein Anbieter, den ich in einem Quartalsscreening vielleicht als unauffällig eingestuft hätte, würde im nächsten Quartal auf mehreren Money-Keywords in den Top 10 stehen. In einem anderen Tool nachgeschaut: Die Bewegung lief seit Monaten, von Position 70 aufwärts. Sichtbar wäre sie gewesen. Nur nicht in Ahrefs.

Das Muster ist immer dasselbe: Der Datensatz gibt dir kein Warnsignal, dass er unvollständig ist. Eine leere Ergebnisliste sieht genauso aus wie ein Markt ohne Bewegung. Ein kleiner Content Gap sieht genauso aus wie eine gute Wettbewerbsposition. Genau deshalb ist stille Untererfassung gefährlicher als ein sichtbarer Ausfall.


SISTRIX hat dasselbe getan

An dieser Stelle wäre es bequem, SISTRIX als Gegenmodell zu präsentieren. Meine eigenen Zahlen lassen das nicht zu. SISTRIX liegt im Median bei minus 30 Prozent, acht von 30 Domains haben über die Hälfte ihrer ausgewiesenen Keywords verloren, die Summe über das gesamte Set ist um knapp 44 Prozent gefallen. Das ist deutlich weniger als bei Ahrefs, aber es ist derselbe Mechanismus.

Und SISTRIX hat es genau so aufgeschrieben. Statusseite, Eintrag vom 5. Mai 2026, Titel „Service Update: Adjustment of Keyword Ranking Depth". Inhalt in meiner Zusammenfassung: Nach Änderungen bei der externen Abfrage von Suchergebnissen wurde die Crawlingtiefe für bestimmte Keywordsegmente angepasst. Die Tiefe wird jetzt nach Suchvolumen und Relevanz priorisiert. Keywords, die in den Sichtbarkeitsindex eingehen, und Keywords, die in Projekten getrackt werden, werden weiterhin bis Position 100 erfasst. Bei anderen Keywords kann die Datentiefe reduziert sein, und Nutzer können einen Rückgang der Gesamtzahl der Top-100-Rankings beobachten.

Damit hatte ich vier Monate Vorwarnung, eine exakte Abgrenzung, welche Keywords weiterhin voll gemessen werden, und eine ausdrückliche Ankündigung genau des Effekts, den ich später gemessen habe. Ich konnte meine Reportinglogik anpassen, bevor der erste Kunde fragte.

Derselbe Anbieter hat auch die /goto-Umstellung dokumentiert: gemeldet am 27. August 2026, mit dem Hinweis, dass jede aufgelöste URL einen zusätzlichen Request kostet, und am 1. September 2026 als erledigt vermerkt, mit der Aussage, dass die Verarbeitungsgeschwindigkeit wieder normal sei und die Daten vollständig und vergleichbar blieben. Und, zur Vollständigkeit, dieselbe Statusseite dokumentiert auch die unangenehme Entscheidung vom 22. September 2025, die Desktop-SERP-Daten und damit den Desktop-Sichtbarkeitsindex einzustellen.

Daraus folgt eine Auswahlregel, die über dieses eine Tool hinausgeht:

Ein Anbieter mit einer öffentlichen Statusseite und datierten Einträgen ist einem Anbieter mit einem zehn Monate alten Blogpost methodisch überlegen. Unabhängig davon, wer gerade die höheren Zahlen anzeigt.

Denn du kaufst bei einem Datenanbieter nicht in erster Linie Zahlen. Du kaufst die Möglichkeit, deine eigenen Aussagen zu verantworten. Das geht nur, wenn du weißt, wann sich unter deiner Kennzahl das Verfahren geändert hat.

Zur Fairness gehört auch: Semrush und SE Ranking arbeiten mit denselben Rohbedingungen und stehen bisher deutlich besser da. Was sie öffentlich kommunizieren: Semrush beschreibt den Organic-Positions-Bericht in der Wissensdatenbank weiterhin als Anzeige aller Keywords, für die eine Domain in den Top 100 rankt, mit Filtern für 21 bis 50 und 51 bis 100. SE Ranking führt in der Domain-Analysis-API weiterhin explizite Felder für die Positionsgruppen top21_50 und top51_100 und wirbt für die Rank-Tracking-API mit den vollständigen Top 100. Das sind Herstellerangaben und kein unabhängiger Vollständigkeitstest. Dass diese beiden in meinem Set stabil bleiben, ist ein Indiz und kein Beweis.


Was in diesem Zusammenhang nicht kaputt ist

In den einschlägigen Threads läuft die Diskussion inzwischen unter der Überschrift „Ahrefs ist unbrauchbar geworden". Das ist Unsinn, und wer es nachplappert, macht sich die Toolentscheidung zu einfach.

Von der reduzierten Erfassungstiefe nicht betroffen:

  • Keywords Explorer. Andere Datenbank, rund 12 Milliarden Keywords, andere Aufgabe. Seed-Keyword, Matching Terms, Related Terms, Volumen, Keyword Difficulty funktioniert unverändert.

  • Backlinkdaten. Ahrefs' Kernkompetenz seit jeher, mit eigenem Crawler und ohne Abhängigkeit von der Google-SERP-Auslieferung. Link Intersect ebenso.

  • Content Explorer. Basiert auf dem Index veröffentlichter Inhalte, nicht auf Rankingpositionen.

  • Site Audit. Eigener Crawl deiner Seite. Google spielt dabei keine Rolle.

  • Rank Tracker. Laut Ahrefs' eigener Chronologie seit dem 14. November 2025 wieder mit Top-100-Anforderung für alle Keywords, mit dem Hinweis, dass ein kleiner Teil der Abfragen die vollen 100 Positionen noch nicht liefert.

  • Traffic- und Top-10-Auswertungen im Site Explorer. Die Positionen, die Traffic bringen, sind der am besten erfasste Teil des Datensatzes.

Betroffen ist eine klar umrissene Klasse: alles, was auf der Gesamtzahl rankender Keywords aufsetzt oder auf Positionen jenseits von 30 angewiesen ist. Das ist keine Kleinigkeit, weil in diese Klasse einige der wichtigsten strategischen Auswertungen fallen. Aber es ist eben auch nicht das Produkt.

Wer daraus „Abo kündigen" macht, tauscht ein bekanntes Problem gegen ein unbekanntes. Die richtige Reaktion ist nicht der Anbieterwechsel, sondern die Neuverteilung von Zuständigkeiten. Du brauchst kein Mehr an Komplexität, du brauchst ein besseres System.


Praxisartefakt: Welche Auswertung noch trägt und welche nicht

Hier ist die Übersicht. Sie beantwortet für jede gängige Site-Explorer-Auswertung eine Frage: Darf das ohne Gegenprüfung in einen Kundenreport?

Auswertung Status Begründung Wenn nicht, dann
Organic Traffic (Schätzung) verwendbar Speist sich aus Top-10-Positionen, dem best erfassten Bereich Search Console für eigene Domains
Top Pages nach Traffic verwendbar Dieselbe Datengrundlage Search Console, Seitenbericht
Top-10-Keywords einer Domain verwendbar Positionen 1 bis 10 sind stabil erfasst Stichprobe im Ranktracker
Backlinks, verweisende Domains verwendbar Eigener Crawler, kein SERP-Bezug Keine Alternative nötig
Link Intersect verwendbar Backlinkdaten Keine Alternative nötig
Keyword-Recherche über Keywords Explorer verwendbar Getrennte Datenbank Keine Alternative nötig
Organic Keywords, Gesamtzahl nicht ohne Gegenprüfung Misst den erfassten Ausschnitt, nicht den Footprint Zweite Domaindatenbank
Organic-Keywords-Verlauf über 12 Monate nicht verwendbar Enthält mindestens zwei Verfahrensbrüche Ranktracker-Historie oder GSC
New Keywords nicht verwendbar „Neu" bedeutet oft nur „erstmals erfasst" Ranktracker mit Top-100-Tiefe
Lost Keywords nicht verwendbar „Verloren" bedeutet oft „unter die Erfassungsgrenze gefallen" Ranktracker, GSC-Impressionen
Content Gap nicht ohne Gegenprüfung Beide Seiten der Rechnung untererfasst, Lücke systematisch zu klein Zweite Datenbank, Ergebnisse vereinigen
Wettbewerbervergleich nach Keywordanzahl nicht verwendbar Vergleicht zwei Ausschnitte unbekannter Größe Sichtbarkeitsindex oder Top-10-Vergleich
Top Pages nach Keywordanzahl nicht ohne Gegenprüfung Zähler stammt aus demselben Ausschnitt Top Pages nach Traffic verwenden
Positionsverteilung 21+ nicht verwendbar Der Bereich, der weitgehend fehlt Ranktracker, SE Ranking oder SISTRIX Projekt

Zwei Anmerkungen zur Benutzung. „Nicht ohne Gegenprüfung" heißt nicht „falsch", sondern: Diese Zahl darf nicht allein stehen. Und „nicht verwendbar" bezieht sich auf Kundenreports und Strategieentscheidungen, nicht auf deine eigene Orientierung. Für einen schnellen Blick auf eine fremde Domain reicht der Site Explorer weiterhin aus.


Dein Workflow in drei Stufen

Nicht das Tool ist der Hebel, der Prozess ist der Hebel. Deshalb keine Kaufempfehlung, sondern eine Zuständigkeitsverteilung.

Stufe 1: Discovery

Das Wettbewerber-Keyworduniversum wird aus mindestens zwei Domaindatenbanken gebildet, deren Ergebnisse du vereinigst statt schneidest. Für den DACH-Markt bewährt sich die Kombination aus einer internationalen Datenbank und SISTRIX, weil deren deutschsprachige Keyworddaten in meinem Alltag präziser sind. Ahrefs darf in dieser Stufe mitspielen und zusätzliche Keywords liefern. Es definiert nur nicht mehr die Grundgesamtheit.

Konkreter Arbeitsschritt: Export aus Tool A, Export aus Tool B, Zusammenführung über den Keywordtext, Duplikate raus. Der Aufwand liegt bei 20 bis 30 Minuten pro Wettbewerber. Das ist der Preis für eine belastbare Ausgangsbasis.

Stufe 2: Validierung

Alles, was strategisch relevant ist, kommt in einen Ranktracker, der bis Position 100 misst. Das sind die eigenen Money-Keywords, die Keywords des aktuellen Contentprojekts und ein Beobachtungsset von 30 bis 80 Keywords pro relevantem Wettbewerber.

Das ist der eigentliche Bruch mit der bisherigen Arbeitsweise. Früher konntest du dir das sparen, weil der Site Explorer die Wettbewerbsbeobachtung automatisch mitlieferte. Diese Bequemlichkeit ist weg. Wettbewerberbeobachtung ist jetzt eine bewusste Setzung, die Keywordkontingent kostet, und du musst entscheiden, welche 60 Keywords es wert sind.

Das klingt nach Rückschritt und ist einer. Es hat aber einen Nebeneffekt, den ich nicht mehr missen möchte: Man denkt deutlich schärfer darüber nach, was man eigentlich beobachten will.

Stufe 3: First-Party-Wahrheit

Für eigene Domains und Kundendomains ist die Search Console die Primärquelle, ergänzt um die Bing Webmaster Tools. Impressionen und Durchschnittsposition zeigen dir Bewegung in Bereichen, die keine Domaindatenbank abbildet, und sie tun es ohne Sampling.

Der wichtigste Report für dieses Problem: Suchanfragen mit steigenden Impressionen bei einer Durchschnittsposition zwischen 20 und 60. Genau das ist der Aufbaubereich, der in Toolzahlen verschwindet. Wenn dieser Bereich wächst, funktioniert dein Content, auch wenn die Ahrefs-Kurve fällt.


Messung und Kontrolle: Woran du merkst, dass es wirkt

Wenn du es nicht messen kannst, steuerst du nach Gefühl. Also ersetzt du die kaputte Kennzahl durch Kennzahlen, die halten.

Baseline setzen, einmalig, 30 Minuten. Für jede Domain, die du betreust, notierst du mit Datum: die aktuelle Keywordzahl in jedem eingesetzten Tool, den GSC-Impressionswert der letzten 28 Tage, die Zahl der GSC-Suchanfragen mit Durchschnittsposition zwischen 20 und 60. Das ist dein Nullpunkt. Ab hier misst du gegen deine eigene Baseline und nicht gegen eine Toolhistorie, deren Verfahren sich unter dir ändert.

Die vier Kennzahlen, die du ab jetzt führst:

  1. GSC-Impressionen im Aufbaubereich. Zahl der Suchanfragen mit Durchschnittsposition 20 bis 60, monatlich. Steigt diese Zahl, wächst dein Fundament. Das ist der direkte Ersatz für das, was die Organic-Keywords-Kurve früher geleistet hat.

  2. Getrackte Keywords in Positionsgruppen. Aus dem Ranktracker, Gruppen 1 bis 3, 4 bis 10, 11 bis 20, 21 bis 50, 51 bis 100. Konstantes Keywordset, deshalb über die Zeit vergleichbar.

  3. Sichtbarkeitsindex. Ein Index, dessen Keywordset öffentlich definiert und konstant ist, ist gegen genau dieses Problem robuster als eine offene Zählung, weil sein Bestandsschutz beim Anbieter dokumentiert ist.

  4. Spreizung zwischen den Tools. Verhältnis der Keywordzahlen deiner Tools zueinander, quartalsweise. Wenn sich das Verhältnis verschiebt, hat ein Anbieter sein Verfahren geändert. Das ist dein Frühwarnsystem und der Grund, warum dieser Beitrag existiert.

Failure Modes, die dir das kaputtmachen:

  • Du vergleichst weiter Zeiträume über den 14. September 2025 hinweg. Jeder Vorher-Nachher-Vergleich, der über dieses Datum läuft, misst zwei verschiedene Verfahren. Setze dort einen harten Schnitt.

  • Du hältst höhere Zahlen für bessere Daten. SE Ranking zeigt in meinem Set das 29-Fache von Ahrefs. Das heißt nicht, dass SE Ranking vollständig misst. Es heißt, dass die beiden unterschiedlich viel erfassen.

  • Du behandelst deinen Ranktracker als Vollerhebung. Er misst genau die Keywords, die du eingetragen hast. Blind spots verschwinden nicht, sie werden nur zu deinen eigenen.

  • Du erklärst dem Kunden nichts. Die Grafik, die er im Tool sieht, wenn er selbst nachschaut, zeigt weiterhin den Absturz. Wenn er es zuerst sieht und du es danach erklärst, klingt jede Erklärung wie eine Ausrede.


Szenario: Wie sich das in Zahlen auswirkt

Konstruiertes Beispiel mit offengelegten Annahmen, um die Größenordnung greifbar zu machen. Die Zahlen sind plausibel gewählt und nicht gemessen.

Ausgangslage. Ein B2B-Zulieferer, Contentbudget 3.500 Euro im Monat, seit acht Monaten Aufbau eines Themenclusters mit 22 Beiträgen. Ziel sind 14 Fachbegriffe mit je 90 bis 400 Suchanfragen im Monat.

Was tatsächlich passiert ist. Nach acht Monaten stehen drei der 14 Begriffe in den Top 10, fünf zwischen Position 11 und 25, vier zwischen 26 und 55, zwei über 60. Die Beiträge ziehen zusätzlich rund 180 Longtail-Suchanfragen, überwiegend im Bereich Position 25 bis 70. Search Console zeigt für den Cluster einen Anstieg der Impressionen von 900 auf 6.400 im Monat.

Was der Site Explorer davon zeigt. Die drei Top-10-Begriffe, vier der fünf im Bereich 11 bis 25, von den 180 Longtail-Anfragen einen einstelligen Teil. In Summe rund zehn Keywords. Der Zwölfmonatsverlauf der Domain zeigt trotzdem einen Rückgang, weil der Verfahrensbruch den gesamten Altbestand betrifft und der Zugewinn ihn nicht kompensiert.

Die Entscheidungssituation. Der Geschäftsführer sieht eine fallende Kurve und 28.000 Euro Contentausgaben. Wenn du in diesem Termin keine zweite Datenquelle auf dem Tisch hast, verlierst du das Budget. Nicht weil die Arbeit nicht wirkt, sondern weil du sie nicht zeigen kannst.

Mit der GSC-Zahl daneben dreht sich das Gespräch: Impressionen mal sieben, acht Begriffe in Reichweite der ersten Seite, vier weitere in Bewegung. Der Aufwand für diese zweite Zahl liegt bei etwa zehn Minuten pro Monat.

Opportunity Cost. Ein Cluster, der nach acht statt nach vierzehn Monaten gestoppt wird, verliert seinen gesamten Aufbauwert. Die 28.000 Euro sind dann nicht schlecht investiert, sondern zu früh abgebrochen. Der Unterschied zwischen beiden Ausgängen liegt in zehn Minuten Reportingarbeit im Monat.


60-Minuten-Checkliste

Minute 0 bis 10: Betroffenheit prüfen. Nimm drei Domains, die du gut kennst. Notiere die aktuelle Ahrefs-Keywordzahl und den Wert von vor zwölf Monaten aus dem Trend. Rechne die prozentuale Veränderung. Liegt sie bei jeder der drei Domains über minus 50 Prozent, bist du betroffen.

Minute 10 bis 20: Gegenprobe. Dieselben drei Domains in einem zweiten Tool. Wenn das Verhältnis zwischen beiden Tools heute deutlich anders ist als vor zwölf Monaten, hast du deinen eigenen Beleg. Screenshot machen, du wirst ihn im Kundengespräch brauchen.

Minute 20 bis 30: Reports durchsehen. Welche laufenden Kundenreports enthalten eine Organic-Keywords-Kurve, eine Content-Gap-Zahl oder einen Wettbewerbervergleich nach Keywordanzahl? Diese Elemente markieren. Sie fliegen im nächsten Turnus raus oder bekommen eine zweite Quelle daneben.

Minute 30 bis 40: Baseline anlegen. Eine Tabelle, eine Zeile pro Domain, Spalten: Datum, Keywordzahl je Tool, GSC-Impressionen 28 Tage, GSC-Suchanfragen Position 20 bis 60. Einmal ausfüllen. Ab jetzt monatlich fortschreiben.

Minute 40 bis 50: Ranktracker aufsetzen oder erweitern. Pro Kundendomain die Money-Keywords plus die Keywords des laufenden Contentprojekts. Pro relevantem Wettbewerber 30 bis 80 Keywords. Prüfen, dass die Erfassungstiefe auf Top 100 steht.

Minute 50 bis 60: Kundenkommunikation vorbereiten. Drei Sätze, die du beim nächsten Termin sagst, bevor der Kunde die Grafik sieht. Vorschlag: „Die Keywordzahl in unserem Tool ist gefallen, obwohl die Rankings stabil sind. Der Anbieter erfasst seit einigen Monaten nur noch die vorderen Positionen. Ich zeige dir stattdessen die Search-Console-Daten, die kommen direkt von Google."

Wenn du nur eine Sache mitnimmst: Setze die Baseline. Alles andere kannst du nachholen, aber einen Nullpunkt kannst du nicht rückwirkend legen.


Häufige Fragen

  • Sind meine Rankings tatsächlich abgestürzt, wenn Ahrefs weniger Keywords zeigt?

    Höchstwahrscheinlich nicht. Prüfe es in der Search Console: Wenn Impressionen und Klicks stabil sind, hat sich an deinen Rankings nichts geändert. Ein Rückgang, der bei jeder deiner Domains gleichzeitig und in ähnlicher Größenordnung auftritt, ist praktisch immer ein Messeffekt und keine SEO-Entwicklung.

  • Bis zu welcher Position erfasst der Ahrefs Site Explorer aktuell?

    Der Ahrefs-Support hat mir gegenüber im September 2026 formuliert, dass für die meisten Suchbegriffe die Top-30-Platzierungen gemeldet werden. Die öffentliche Dokumentation von Ahrefs spricht weiterhin von den Top 100. Diese Diskrepanz ist bislang nicht öffentlich erklärt worden.

  • Warum zeigen Semrush, SE Ranking und SISTRIX andere Zahlen als Ahrefs?

    Weil alle vier unterschiedliche Keyworddatenbanken haben und weil sie seit dem Wegfall von num=100 unterschiedlich entschieden haben, wie tief sie messen. SISTRIX hat seine reduzierte Tiefe am 5. Mai 2026 öffentlich dokumentiert. Semrush und SE Ranking beschreiben ihre Domaindatensätze in der Produktdokumentation weiterhin als Top 100. In meiner Messung über 30 Domains ist Ahrefs derjenige Anbieter mit dem mit Abstand stärksten Rückgang.

  • Was war das num=100-Update?

    Google hat Mitte September 2025 den URL-Parameter &num=100 abgeschaltet, mit dem sich bis zu 100 Suchergebnisse in einem einzigen Abruf laden ließen. Seitdem brauchen Datenanbieter rund zehnmal so viele Abrufe für dieselbe Tiefe. Das hat die Wirtschaftlichkeit der flächendeckenden Top-100-Erfassung grundlegend verändert und wirkt branchenweit.

  • Kann ich den Ahrefs Rank Tracker statt des Site Explorers benutzen?

    Für alles, was du selbst definierst, ja, und das schließt Wettbewerber ausdrücklich ein. Du kannst deren Domains in ein Projekt aufnehmen und ihre Keywords bis Position 100 verfolgen. Ahrefs hat am 14. November 2025 mitgeteilt, dass der Rank Tracker wieder die Top 100 für alle Keywords anfordert.

    Der Haken ist der Preis, und zwar in Keywords gerechnet. Vier Wettbewerber mit je 60 Keywords sind 240 zusätzliche Slots, die gegen dasselbe Kontingent laufen wie deine eigenen Money-Keywords. Was der Site Explorer früher ohne Zusatzkosten mitlieferte, musst du jetzt bewusst einkaufen. Wichtig ist außerdem die Abgrenzung: Rank Tracker und Site Explorer holen ihre SERP-Daten unabhängig voneinander. Ein Keyword auf Position 47 kann im Rank Tracker sichtbar sein und im Organic-Keywords-Bericht derselben Domain fehlen.

  • Taugt Ahrefs noch für Keywordrecherche?

    Ja, wenn du damit den Keywords Explorer meinst. Der läuft auf einer eigenen, deutlich größeren Datenbank und ist von der Erfassungstiefe im Site Explorer nicht betroffen. Nein, wenn du damit meinst, aus den Rankings eines Wettbewerbers dessen Keywordportfolio abzuleiten. Das ist die Auswertung, die derzeit nicht belastbar ist.

  • Ist Content Gap in Ahrefs noch verwendbar?

    Nur mit Gegenprüfung. Content Gap arbeitet auf beiden Seiten mit dem Site-Explorer-Bestand. Sind beide Seiten untererfasst, ist die ausgewiesene Lücke systematisch zu klein, und zwar in einer Richtung, die dich in Sicherheit wiegt. Führe die Analyse in einem zweiten Tool aus und vereinige die Ergebnisse.

  • Was ist der google.com/goto-Redirect und wie hängt er damit zusammen?

    Google leitet Klicks auf Suchergebnisse seit Sommer 2026 zunehmend über eine eigene Redirect-Adresse um, statt die Ziel-URL direkt zu verlinken. Google hat das am 26. August 2026 bestätigt. Für Datenanbieter bedeutet das, dass sie jedem Redirect einzeln folgen müssen, um zu erfahren, welcher Domain ein Ergebnis gehört. Das verteuert die Datenerhebung zusätzlich, erklärt aber nicht die Beschränkung auf die vorderen Positionen. Dafür ist der Wegfall von num=100 aus dem Vorjahr verantwortlich.

  • Soll ich mein Ahrefs-Abo kündigen?

    Nicht wegen dieses Problems allein. Backlinkdaten, Keywords Explorer, Content Explorer, Site Audit und Rank Tracker sind nicht betroffen. Die sinnvolle Reaktion ist, die Zuständigkeit für Keyword-Discovery und Wettbewerbsanalyse auf eine zweite Datenquelle zu verlagern und die Site-Explorer-Keywordzahl aus dem Reporting zu nehmen.

  • Wie erkläre ich das einem Kunden, ohne dass es nach Ausrede klingt?

    Indem du es sagst, bevor er die Grafik sieht, und indem du eine Zahl daneben legst, die nicht von einem Tool kommt. Search-Console-Impressionen sind Google-Daten. Damit steht deine Aussage nicht gegen eine Grafik, sondern zwei Datenquellen stehen nebeneinander, und die verlässlichere gewinnt.


Fazit

Die Ausgangsfrage war, ob der Ahrefs Site Explorer noch für Wettbewerbsanalyse und Keywordrecherche taugt. Nach 30 gemessenen Domains lautet meine Antwort: für die Bewertung von Traffic und Top-10-Positionen ja, für die Ableitung eines vollständigen Keyworduniversums nein, und für historische Vergleiche über die letzten zwölf Monate ausdrücklich nein.

Das Ärgerliche daran ist nicht die reduzierte Tiefe. Die ist eine wirtschaftliche Konsequenz einer Entscheidung, die Google getroffen hat, und sie trifft jeden Anbieter. Das Ärgerliche ist, dass die Oberfläche unverändert aussieht, die Dokumentation weiterhin Top 100 verspricht und die letzte öffentliche Statusmeldung zehn Monate alt ist und nur den Rank Tracker betrifft. Ein Nutzer, der nichts ahnt, liest eine fallende Kurve als sein eigenes Versagen.

Die Zahl „Organic Keywords: 437" bedeutet heute nicht mehr, dass eine Domain für 437 Suchbegriffe rankt. Sie bedeutet, dass Ahrefs derzeit 437 davon erfasst. Das ist methodisch ein anderer Satz, und du bist derjenige, der ihn im Kundengespräch geradebiegen muss.

Dein nächster Schritt: Nimm dir drei Domains, prüfe die Zwölfmonatsveränderung in zwei Tools und leg die Baseline an. Das dauert eine halbe Stunde und verhindert, dass du im nächsten Quartalstermin gegen eine Grafik argumentierst, die etwas anderes misst, als sie behauptet.

Und beim nächsten Toolvergleich schaust du zuerst nach, ob der Anbieter eine Statusseite führt. Die eigentliche Arbeit beginnt dort, wo die Folie endet: im Operating Model.



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